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Blutspurenuntersuchungen zur Rekonstruktion des Tathergangs

Die Kunst der Interpretation

„In der muffigen Kellerwohnung herrscht Stille. Überall Blutspritzer, Pfade aus Blutstropfen, vor dem Sofa eine Blutlache, auf dem Sofa fünf blutverschmierte Küchenmesser, aber keine einzige Leiche. Die Spheron-Kamera summt, ein Lichtkegel tastet Wände und Möbel ab. Im benachbarten Bad positionieren Ermittler vom Erkennungsdienst die ersten Spurenschilder. Zwei Blutspurenanalysten bewegen sich vorsichtig auf ausgelegten Trittstegen. Es wird vermessen und fotografiert, mit Tupfern gerieben und in Röhrchen verpackt. Einer der Experten diktiert scheinbar unendlich und monoton Größen-, Breiten-, Höhen-, Tiefen- und Winkelmaße. Farbige Laser blitzen auf. Vier Stunden später kommt im Bad ein neuartiger Kompressor zum Einsatz. Atemmasken werden aufgesetzt. Sprühnebel breitet sich aus. Plötzlich erkennt man an Fliesen und Badarmatur ein intensives Leuchten. Die Canon klickt …“

Blutspurenanalysen (engl. BSPA = Bloodstain Pattern Analysis) haben in der letzten Dekade besonders in den Medien an Popularität gewonnen. Diese Entwicklung kontrastiert jedoch nicht mit der Wirklichkeit, denn auch die kriminalistische Arbeit hat in den letzten Jahren eine gewisse Renaissance der Blutspurenmusteranalysen erfahren. Das Gebiet der wissenschaftlichen Blutspurenmusteranalytik ist dabei seit über 100 Jahren bekannt. Frühe, überwiegend kriminalistische Auseinandersetzungen mit dem Thema finden sich bei Gross (1904), Haberda (1914) Hesselink (1931) und Balthazard (1939).

Blut außerhalb des Körpers

Trotz Einsatz digitaler Techniken und modernster molekularbiologischer wie chemischer Nachweismethoden hat sich an den Grundprinzipien nur wenig geändert: Während eines Gewaltgeschehens, bei dem offene Wunden gesetzt werden, entstehen sehr oft Blutspuren. Aufgrund der physikalischen, chemischen und insbesondere der ballistischen Eigenschaften von Blut außerhalb des Körpers entstehen typische Muster an den Kontakt- oder Kollisionsflächen, die in vielen Fällen sehr nützliche Erkenntnisse bei der Tatrekonstruktion liefern können.
Formal befasst sich somit die forensische Blutspurenanalytik mit den Formen, der Größe, der Verteilung, dem Zustand und der Menge von extrakorporalem Blut und der darauf gründenden Interpretation von mutmaßlich tatrelevanten Blutspuren. Beim Interpretieren der Blutspuren müssen geometrischmathematische, biologische, chemische und physikalische Gesetzmäßigkeiten berücksichtigt werden.

Zwischen Forschung und Praxis

Der Blutspurenexperte verwendet eine international weitgehend standardisierte Nomenklatur zur Beschreibung der einzelnen Blutspuren. Unglücklicherweise verbreitet sich zunehmend, vielleicht aus Kostengründen, eine Vorgehensweise, bei der der Experte nicht mehr anhand einer Tatortbegehung selbst, sondern auf der Grundlage von nachträglich vorgelegten Lichtbildmappen ein Blutspurengutachten erstellen soll. Neben den Schwierigkeiten bei der nachträglichen metrischen Erfassung einzelner bedeutender Spuren sowie dem Umstand, dass eine Bildmappe den persönlichen Eindruck am Tatort nicht ersetzen kann und eine durch den Fotografen getroffene Bildauswahl des Blutspurenanalysten a priori einschränkt, besteht der Hauptnachteil darin, dass allein anhand der Bildmaterialien der Nachweis, ob es sich tatsächlich um Blut handelt, oder welchen Personen das Blut zugeordnet werden kann, oftmals nicht mehr möglich ist.
Eine vereinfachte Berechnung des Einschlagwinkels und Ursprungsortes von Blutspritzern erfolgt durch die Anwendung trigonometrischer Funktionen an jeder als tatrelevant eingestuften Einzelspur. Geht es um die exakte Bestimmung von ballistischen Flugbahnen, sog. Flugparabeln sind komplexere Modelle je nach Beschleunigungsgrad und Größe der Spuren und unter Berücksichtigung der Luftreibung notwendig. Sowohl bei der geometrischen wie bei der fotografischen Erfassung der Blutspuren kommen zunehmend digitale Systeme und spezielle Softwarelösungen zum Einsatz. Dennoch ist gerade an dieser Stelle ein hohes Maß an persönlicher Erfahrung notwendig, um die vielen Einzelresultate zusammenzuführen und richtig interpretieren zu können. Blutspurenexperten gewinnen diese Erfahrung zu allererst durch regelmäßiges Training und praktische Fallarbeit im Team. Zunehmende Bedeutung besitzen darüber hinaus kontinuierliche, von internationalen und nationalen Fachgesellschaften zertifizierte Fortbildungs- und Weiterbildungsangebote. Die Einbindung und Verortung der Disziplin in wissenschaftliche Forschungsvorhaben zum Beispiel an den universitären rechtsmedizinischen Instituten hat z.B. die Weiterentwicklung der Nachweismethoden von Blutspuren beschleunigt und stellt mit seinen fortwährenden Projekten eine zunehmend wichtige Quelle zusätzlichen Erkenntnisgewinns dar.
Sehr hilfreich kann die Kenntnis der tatsächlich festgestellten Verletzungsmuster von Opfern (z.B. durch eine Obduktion) oder Tatverdächtigen sein, da hierdurch die Anzahl der nicht selten mehrdeutigen Erklärungsmodelle von Anbeginn eingeschränkt wird. Dieser Ansatz mag einer der Gründe sein, weshalb sich der Expertenkreis der Blutspurenanalysten oft aus Teams zwischen Kriminalisten und Rechtsmedizinern zusammensetzt und eine enge Zusammenarbeit von beiden Seiten erwünscht ist.

Die Sprache der Blutspuren

Vertreter einer alternativen, in gleicher Weise nachvollziehbaren Vorgehensweise fordern hingegen ein „unbelastetes“ Herangehen, bei dem im Sinne eines „Lasst die Blutspuren für sich sprechen“ die Interpretation allein aufgrund der Blutspurenanalyse ohne Kenntnis etwaiger Ermittlungsbzw. Obduktionsergebnisse durchgeführt wird. Die in Tabelle 1 auszugsweise aufgelisteten Eigenschaften von Blut machen deutlich, warum die Interpretation sehr komplex werden kann und zeigen beispielsweise, weshalb Bluttropfen keineswegs eine Tropfenform sondern eine Kugelform einnehmen. Bluttropfen oszillieren jedoch im Flug, verändern dabei im Rhythmus ihre Form und hinterlassen je nach Oszillationsphase, Fallhöhe, Oberflächeneigenschaften der Kollisionsflächen, vor allem aber in Abhängigkeit des Auftreffwinkel unterschiedlichste, gleichzeitig sehr charakteristische Formen. Der Aufwand, einen Tatort hinsichtlich seiner oft unzähligen Blutspritzer zu erfassen, kann verständlicherweise sehr beträchtlich sein. An manchen Orten kommen zunehmend Panorama- oder 3D- Bilderfassungssysteme zum Einsatz, die nicht nur die nachträgliche Demonstration von Tatortbegebenheiten erleichtern, sondern eine moderne Form der Befundarchivierung darstellen. Dabei ist zu Beginn der Arbeit keineswegs sicher, dass die Ergebnisse des nachfolgenden Gutachtens tatsächlich der Aufklärung der Tat dienen werden.
So entstand in einem Mordfall im Jahr 2009 – innerhalb einer mit Blut überströmten Wohnung – der Verdacht auf einen Angriff mit einem spitzen Gegenstand (Messer) lediglich aufgrund einzel ner, leicht übersehbarer, gerade einmal 1–2 mm großer, linear angeordneter Schleuderspuren an der Decke oberhalb der Eingangstür. Die Einlassungen des Tatverdächtigen, er habe in Notwehr gehandelt, wurde durch diesen diskreten Befund unglaubwürdig. Mit den Ergebnissen konfrontiert, folgte ein Geständnis, das ohne die Blutspurenanalyse vermutlich nie abgegeben worden wäre. In anderen Fällen muss sich der Auftraggeber nach aufwendiger Tatortarbeit mit globalen Befunden begnügen, die keinen wesentlichen Erkenntnisbeitrag bei der Klärung eines Verbrechens liefern. Es ist wichtig zu verstehen, dass es oft keine Möglichkeit gibt, am Beginn einer
Analyse den Aufwand gemäß einer Ergebniserwartung zu begrenzen oder auszuweiten. Dieser Umstand führt gelegentlich, wenn eine Auswertung der Blutspuren bedauerlicherweise keinen Erkenntniszugewinn erbracht hat, zu Diskussionen über ein Kosten-Nutzen-Verhältnis derartiger Analysen.
Zu den seitens der Ermittlungsbehörden sehr konkret gestellten Fragen finden sich, abhängig vom Einzelfall, oft, aber nicht in jedem Fall ebenso konkrete Antworten (Tab. 2). Nicht selten stellt sich die Frage nach der biologischen Natur und Herkunft einzelner Blutspuren. In der Literatur werden immer wieder Einzelfälle berichtet, bei denen ein geschächtetes oder verletztes Tier einen umfangreichen Polizeieinsatz auslöste, weil man von einem Verbrechen ausging. In den letzten Jahren haben sich deshalb Schnelltests zum Nachweis humaner Blutspuren vor Ort durchgesetzt (z.B. Human-Obti®). Es bleibt abzuwarten, ob mobile DNA-Geräte in naher Zukunft auch eine vorläufige Personenzuordnung ermöglichen können.
Blutspuren fliegen nicht schnurgerade durch die Luft. In Abhängigkeit von der Energiemenge beim Verursachen eines Spurenbildes (z.B. Schlag versus Schuss) entstehen stärker oder langsamer beschleunigte, größere oder kleinere, homogene oder gemischte Spritzmuster. Nicht selten stellt sich die Frage nach der Größenordnung des Blutverlustes z.B. eines Gewaltopfers, eine Frage, die insbesondere dann, wenn Blut in Stoffe, Polster u.Ä. gesickert ist, nur schwer ausreichend zuverlässig beantwortet werden kann. Kleine Blutmengenverluste können dabei sehr intensive Spurenmuster verursachen, die zu Fehleinschätzungen verleiten können.

Plötzlich unter Tatverdacht

In einem 2010 bearbeiten Mordfall spielten die Trocknungszeiten von Blutstropfen an typischen Möbeloberflächen eine gewichtige Rolle zur Klärung eines Alibis. Dabei wurde nachgewiesen, dass eine verwischte Blutspur am Küchenschrank mit Übertragung an die Kleidung eines Zeugen nicht mit dessen zeitlichen Angaben übereinstimmen konnte. Aufgrund der weitgehend konstanten Raumtemperaturen wäre die Blutantragung bereits nach 60 Minuten getrocknet, so dass sie durch ein Touchieren nicht mehr verwischt worden wäre. Da der Zeuge behauptete, erst ca. 6 Stunden nach dem Todeseintritt des Opfers die Wohnung betreten zu haben, geriet er plötzlich unter Tatverdacht.
Blutspuren zu reinigen oder zu beseitigen ist ein nicht sehr aussichtsreiches Unterfangen. Gründliche Reinigungsversuche und sogar ein frischer Farbanstrich der Zimmerwände verhindern selbst nach Jahren dank ausgefeilter Nachweismethoden sog. Latenter Blutspuren nicht zuverlässig genug den Nachweis von Blut.

Unverzichtbare forensische Spezialdisziplin

Wie in vielen anderen forensischen Spezialdisziplinen spielen Falschbewertungen eine kriminalistisch und letztendlich rechtsstaatlich sehr bedeutende Rolle. So begegnet man auf dem „freien Markt“ gelegentlich selbsternannten Experten, die nachweislich kaum über eigene konkrete Fallerfahrung verfügen können und dennoch als Blutspurenanalysten auftreten oder ein in den Medien zunehmend populäres Thema zum voyeuristischen Edutainment degradieren. Die verantwortlichen Fachgesellschaften (IABPA, DGRM) versuchen diesen Fehlentwicklungen adäquat zu begegnen, indem standardisierte Aus- und Weiterbildungsangebote für interessierte Forensiker angeboten werden. Regelmäßig finden Fachtagungen statt, mit denen insbesondere der interdisziplinäre Charakter und ein fortwährender Erfahrungsaustausch gefördert werden sollen. Auch wenn die Grundzüge und wesentlichen Prinzipien der Blutspurenanalytik exlibris erlernbar sind, bleibt die Erkenntnis (und die meisten Blutspurenanalysten werden diese Erfahrung teilen), dass am Beginn der Laufbahn als Experte zwischen Theorie und Praxis eine nicht zu unterschätzende Erfahrungslücke klafft. Vielleicht ist es auch deshalb verständlich und sinnvoll, dass viele Blutspurenexperten nicht alleine, sondern im Team arbeiten. Durchaus vergleichbar mit der gerichtlichen Obduktion, bei der per Gesetz (StPO § 87) immer zwei Ärzte gemeinsam obduzieren müssen, gilt sicher auch am Tatort die Einsicht: 4 oder 6 Augen sehen meistens mehr als 2.

Um die Tabellen zu sehen, laden Sie sich bitte das PDF (rechts oben) runter.

Foto: © Dr. Frank Ramsthaler

L&M 3 / 2012

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe L&M 3 / 2012.
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