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Diagnose Krebs - Krebsforschung

Der Krebsforscher und Nobelpreisträger Prof. Dr. Dr. Harald zur Hausen im Gespräch mit labor&more

Professor Harald zur Hausen hat bereits in den siebziger Jahren die Rolle von Viren als Krebsauslöser erkannt. Mit seiner visionären Theorie, die der damals vorherrschenden Lehrmeinung widersprach, stand er in der Wissenschaftswelt allein. Heute ist klar, mindestens jede fünfte Krebserkrankung weltweit ist durch Infektionen bedingt. Die bahnbrechenden Arbeiten zur Hausens haben den Zusammenhang zwischen einer Infektion mit humanen Papillomaviren und Gebärmutterhalskrebs aufgeklärt und somit den Weg zur Entwicklung eines Impfstoffes zum Schutz vor der Krebserkrankung geebnet. Für diese Entdeckung wurde Harald zur Hausen mit dem Nobelpreis 2008 für Medizin ausgezeichnet.
Im April dieses Jahres empfing er von Bundespräsident Horst Köhler das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Claudia Schiller und Robert Erbeldinger von labor&more trafen den Nobelpreisträger
am Deutschen Krebsforschungszentrum und sprachen mit ihm über seine Forschung im Bereich Tumorvirologie, die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs, das DKFZ und die Perspektiven der Krebsforschung.

l&m: Herr Prof. zur Hausen, Sie gelten als Pionier auf dem Gebiet infektionsbedingter Krebserkrankungen. Sie mussten viel Geduld aufbringen, um die Wissenschaftswelt von der Wahrheit Ihrer Theorie zu überzeugen. Wann kamen Sie erstmals auf den Gedanken, dass Viren Krebs auslösen können?

Prof. zur Hausen: Der Gedanke ist ziemlich alt, ich hatte ihn bereits während meiner Studentenzeit. Ich wurde dort mit dem Phänomen vertraut, dass Bakterien, wenn sie Viren aufnehmen unter gewissen Umständen dann ihre Eigenschaften verändern. Das legte mir damals nahe, in analoger Weise bei Krebs zu vermuten, dass eine Virusinfektion mit dem Verbleib des Erbguts in der Zelle letzten Endes zu einer Veränderung der Eigenschaften und damit zu Krebs führen würde. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, das zu beweisen.

Nach Ihrer Promotion forschten Sie drei Jahre lang in den USA/Pennsylvania am Epstein-Barr-Virus (Humanes-Herpes-Virus 4), gemeinsam mit Werner und Gertrud Henle. Dieses Virus war mithilfe der Elektronenmikroskopie zum ersten Mal in Blutkrebszellen entdeckt worden. Welche Rolle spielte Ihr Aufenthalt als junger Forscher in den USA für Ihre Arbeit und wissenschaftliche Karriere?

Ich habe zunächst nach meiner Medizinalassistenzzeit gut drei Jahre in Düsseldorf am Institut für Mikrobiologie gearbeitet und bin dann nach Philadelphia gegangen. Das war sicher für mich ein wesentlicher Punkt, denn damals war das Epstein-Barr-Virus gerade neu entdeckt und elektronenmikroskopisch dargestellt worden. Im gleichen Labor wurde an der Serologie gegen dieses Virus gearbeitet und ich hatte Gelegenheit, mich dort mit der sich entwickelnden Molekularbiologie vertraut zu machen. Nachdem ich zuvor an virusinduzierten Chromosomenänderungen gearbeitet hatte, begann ich nun letztlich auch über Epstein-Barr-Viren selber zu arbeiten. Damals war eine wichtige Frage, ob das Virus in fluoreszierenden Zellen auch wirklich vorhanden ist. Diesen Beweis konnte ich auch tatsächlich führen. Als ich dann 1969 nach Würzburg zurückging, war ich methodisch so weit, dass ich ebenfalls den Nachweis führen konnte, dass tatsächlich in Zellen, die gar kein Virus produzieren – von Burkitt-Lymphomen und auch von Nasopharynx-Karzinomen – das Erbgut des Epstein-Barr-Virus persistierte. Damit war sozusagen eine Tür aufgestoßen, um nachzuweisen, dass tatsächlich damals noch vermutete Krebsviren in einem latenten Zustand, also als Erbgut, in allen Krebszellen vorhanden waren.

Für Ihre weitere Forschung spielen die Warzenviren, die humanen Papillomviren (HPV), eine zentrale Rolle. Sie wiesen bereits Anfang der 70-er Jahre den Viren, die genitale Warzen verursachen, die entscheidende Rolle bei der Entstehung von Gebärmutterhalskrebs zu. Was hat Sie in dieser Zeit, in der Sie als Wissenschaftler ein Außenseiterdasein führten, motiviert Ihre Forschung weiterzuverfolgen?

Ich habe die erste Arbeit 1974 mit Kollegen veröffent-licht, in der wir nachweisen konnten, dass offenkundig die Warzenviren sehr unterschiedlich sein müssen. Ich hatte damals vermutet, dass genitale Warzen ein Virus enthielten, das möglicherweise beim Gebärmutterhalskrebs eine Rolle spielt. In der Literatur waren eine Reihe von Berichten vorhanden, die beschrieben, dass die genitalen Warzen gelegentlich auch zu malignen entarten können. Das hat mich eigentlich auf die Spur gebracht, zu vermuten, dass diese Warzenviren auch für den Gebärmutterhalskrebs verantwortlich sein könnten. Das hat sich allerdings später als falsch herausgestellt, denn es waren nur verwandte Viren.

Ihre Arbeitsgruppe konnte dann 1983 erstmals die Virustypen 16 und 18 identifizieren, die in etwa 70?% aller Zervixkarzinome nachgewiesen wurden. Gebärmutterhalskrebs ist weltweit die zweithäufigste Krebserkrankung bei Frauen, an der aktuell zwischen 234.000 und 270.000 Frauen jedes Jahr sterben, 83?% aller Gebärmutterhalskrebsfälle treten in den Entwicklungsländern auf. Können Sie uns kurz den Verlauf einer HPV-Infektion bis zur bösartigen -Tumorentstehung schildern?

Die Infektion verläuft meistens unauffällig, die infizierten Frauen wissen gar nichts davon. Die Infektion kommt durch Sexualkontakte zustande und erst im Verlauf von Jahren entwickeln sich in der Regel Veränderungen an dem infizierten Gewebe. Die Zellen wachsen zunächst zu niedriggradigen Dysplasien aus, die dann später, wiederum nach Jahren, in hochgradige Dysplasien übergehen. In diesem Prozess kommt es zu Veränderungen im Erbgut der infizierten Zellen. Zwischen Infektion und dem Auftreten der Krebserkrankung liegen in der Regel 15 bis 25 Jahre.

Mit Ihrer Grundlagenforschung haben Sie einer Impfstoffentwicklung den Weg bereitet. Zwei US-Firmen griffen die Idee erfolgreich auf, nachdem Sie in Deutschland kein Gehör fanden. Wie funktioniert die Immunisierung, wie erfolgt die Impfung?

Die Impfung erfolgt dadurch, dass man heute gentechnisch die Struktureiweiße des Virus, entweder in Insektenzellen oder in Hefen, herstellt. Es bilden sich dann spontan virusähnliche Partikel, d.?h. Viruspartikel ohne Erbmaterial, die nur die Information für das Struktur-protein enthalten. Diese Partikel lassen sich relativ gut reinigen und werden als Grundlage für die Impfung verwendet.

Seit 2006/2007 stehen nun auch in Deutschland zwei Impfstoffe zur Verfügung. Studiendaten belegen, dass zu 98 % Krebsvorstufen verhindert werden können, die von den Hochrisiko-Varianten HPV 16 und 18 ausgelöst werden, wenn die Frauen geimpft werden, bevor sie sich infizieren. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt deshalb (seit März 2007) die Impfung für alle Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren vor dem ersten Sexualkontakt. Ist eine Impfung denn auch sinnvoll, wenn ein Mädchen/eine junge Frau bereits in Kontakt mit HP-Viren kam oder eine Infektion durchgemacht hat?

Wenn die Infektion mit den Virustypen, die im Impfstoff vorhanden sind, also mit HPV 16 und 18 erfolgte, dann ist die Impfung sinnlos. Wenn Infektionen mit anderen Virustypen vorgelegen haben, wäre die Impfung immer noch sinnvoll. Das ist allerdings schwer zu bestimmen. Die Daten, die vorliegen zeigen, dass Frauen, die Sexualkontakte hatten, in der Regel wenig zusätzlichen Schutz durch die Impfung erfahren. Das heißt, es ist sinnvoll, eine Impfung vor den ersten Sexualkontakten durchzuführen. Die Impfung ist inzwischen in mehr als 100 Ländern zugelassen und überall gut überprüft worden.

Von HPV-Infektionen sind natürlich auch die Männer betroffen. Diese geben das Virus als Überträger weiter. Sollten auch Männer in die Präventionsmaßnahmen mit einbezogen und geimpft werden?

In Deutschland wird die Impfung für Mädchen empfohlen, für Jungen werden die Kosten nicht von den Krankenkassen übernommen. Eine Impfung für Jungen wäre in jedem Fall sinnvoll. Die ersten Studien sind mittlerweile weitgehend abgeschlossen, die besagen, dass Jungen in gleicher Weise reagieren wie Mädchen, was nicht überraschend ist. Zum einen können mit einem der Impfstoffe auch genitale Warzen, die bei Jungen und später Männern häufig auftreten, verhindert werden, zum anderen allem Anschein nach aber auch Krebserkrankungen etwa in der Aftergegend, Peniskrebs und darüber hinaus auch in der Mundhöhle, was bei Männern noch häufiger auftritt als bei Frauen.

Wie kann denn eine HPV-Infektion bei Männern festgestellt werden?

Die Testung bei Männern ist eine schwierige Sache. Der Test kann vom Urologen oder praktizierenden Arzt durchgeführt werden. Das Problem ist, dass bei Männern die Läsionen ebenfalls kaum auffällig sind und sie in der Regel die Infektion nicht bemerken. Ich glaube nicht, dass es kosteneffektiv wäre, bei Männern die Testung durchzuführen. Allerdings halte ich eine Impfung von Jungen vor dem ersten Sexualkontakt für sehr sinnvoll. Ein echtes Problem, das sich insbesondere in den Entwicklungsländern ergibt, ist sicher der hohe Kostenfaktor der Impfung mit ca. 165,- Euro pro Einzelimpfung.

Rund 70 % aller Frauen infizieren sich im Laufe ihres Lebens mit HPV-Viren ohne es zu wissen. Wie wirksam ist die Impfung?

Man muss dazu sagen, dass bis heute noch kein einziger Krebsfall durch diese Impfung verhindert wurde, sondern nur die Vorstufen, aufgrund der langen Dauer bis zur Entstehung der Erkrankung. Man wird also erst in 20 Jahren eine Aussage darüber machen können. Gerade die Vorstufen sind in Deutschland ziemlich weit verbreitet. Hierzulande werden laut den Krankenkassen pro Jahr ca. 140.000 Konisationen vorgenommen. Damit sind natürlich auch Nebenwirkungen im Hinblick auf Früh- und Fehlgeburten und einer intensivierten Nachsorge verbunden. Hinzu kommt der psychologische Aspekt, wenn die Frauen erfahren, dass sie einer hochgradigen Vorstufe von Krebs zum Opfer gefallen sind. Ich argumentiere sogar, dass eine Impfung auch dann wertvoll wäre, wenn es nur die Vorstufen wären, die wir so verhindern können. Mit Sicherheit kann man heute sagen, dass die Impfung die Vorstufen verhindert.

Die Impfstoffe unterscheiden sich in ihrem Wirkspektrum. Beide richten sich gegen HPV 16 und 18, einer zusätzlich gegen HPV 6 und 11, die Genitalwarzen verursachen. Sollten Ihrer Meinung nach zukünftige Impfstoffe noch weitere Hochrisiko-Virentypen mit einbeziehen?

Es gibt im Augenblick schon Hinweise, dass diese Impfstoffe auch eine gewisse Kreuzreaktivität mit anderen Virustypen aufweisen, die nah verwandt sind, etwa mit dem Typ 31, der auch mit HPV-16-Impfstoffen reagiert oder dem Typ 45, der mit Typ 18 reagiert. Möglicherweise ist das Spektrum noch breiter, sodass wir davon ausgehen können, dass der Impfstoff aufgrund von Kreuz-reaktionen nicht nur zu 70?%, sondern vermutlich sogar zu 80?% vor Infektionen schützt. Allerdings ist es sicher sinnvoll, das Spektrum zu erweitern und vor allem möglichst gruppenspezifische Impfstoffe herzustellen, die die ganze sogenannte Alphagruppe der Papillomviren ab-decken, in denen alle Vertreter enthalten sind, die an Genitalkrebs beteiligt sind. Daran wird gearbeitet. Ich weiß, dass eine der beiden Firmen sehr aktiv daran arbeitet, darüber hinaus auch Firmen in Indien und in China. Wann solche Impfstoffe auf den Markt kommen werden, lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht voraus-sagen.

In der Diskussion steht die Dauer des Impfschutzes. Wie lange hält der Impfschutz an? Sollte die Impfung aufgefrischt werden?

Das ist im Moment schwer vorauszusagen. Derzeit laufen die Impfstudien über 6 bis 7 Jahre. In diesem Zeitraum sind im geimpften Patienten die Antikörperspiegel im Blut noch sehr hoch. Das lässt erwarten, dass der Impfschutz mindestens über 10, wahrscheinlich über 15 Jahre anhält und dass dann eine Auffrischimpfung sinnvoll ist. Der Verlauf scheint ähnlich dem der Hepatitis-B-Schutzimpfung zu sein, bei der man von einem Impfschutz von mindestens 15 Jahren ausgehen kann.

Es gibt kritische Stimmen, die der Meinung sind, die Impfung wäre zu früh und zu schnell eingeführt worden, da die Studienlage noch unvollständig sei. Wie sehen Sie das?

Ich sehe das ganz anders. Die Stellungnahmen sind aus meiner Sicht nicht korrekt. Sie sind deswegen nicht korrekt, weil natürlich die Testung der Impfstoffe nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland in besonderem Umfang schon durchgeführt wurde und wird. Gebärmutterhalskrebs ist ein riesiges Problem. Für jedes Jahr, das wir warten, haben wir Tausende von Toten zu erwarten. Die Wirksamkeit der Impfstoffe war zum Zeitpunkt der Genehmigung in Deutschland gut belegt. In Deutschland sind Nebenwirkungen sehr hochgespielt worden. Es war von Todesfällen, die nach der Impfung auftraten, die Rede. Wir haben in unserem Land ca. 50 Todesfälle von Jugendlichen zwischen 15 und 20 Jahren, die aus ungeklärter Ursache jährlich auftreten. Es gibt hier Statistiken vom Robert-Koch-Institut, die jedes Jahr Auskunft geben. Die Impfstudien, die bis jetzt sehr sorgfältig durchgeführt wurden, z.?B. in Australien, haben gezeigt, dass relativ wenig Nebenwirkungen auftreten. Dort sind bei ca. 300.000 Patienten drei schwerere allergische Reaktionen aufgetreten. Das ist die Rate, die Sie auch bei anderen Impfungen erwarten dürfen. Es gibt keine Impfung, die ohne jedes Risiko ist. Dem ist entgegenzuhalten, was durch die Impfung bewirkt wird. Pockenimpfungen waren früher wesentlich gefährlicher als jetzt diese Impfung. Sie haben dazu geführt, dass die Pocken nun ausgerottet sind. Masern sind in Nord- und Südamerika inzwischen ausgerottet. In Deutschland ist allerdings die Impfmüdigkeit sehr groß, es gab vor drei Jahren noch zwei Todesfälle durch Masern, die völlig vermeidbar waren. Röteln ist ebenfalls in Nord- und Südamerika ausgerottet, bei uns kommen sie immer noch vor und damit die Gefahr der Missbildung von Kindern, wenn die Infektion während der Schwangerschaft stattfindet.

Welche Nebenwirkungen der Impfung sind zu erwarten?

Die Gefahr von Nebenwirkungen bei der HPV-Impfung ist extrem gering, Rötungen an der Impfstelle sind häufig, Schmerzen haben die betroffenen Impflinge für ein bis drei Tage. Es ist zu sagen, dass diese Impfung mit einer Schutzwirkung von 98 bis 100?% eine der effektivsten ist, die wir kennen. Bisher sind auch keine Nonresponder, wie bei der Hepatitisimpfung, die auf die Impfung nicht reagieren, beschrieben.

Weltweit erkranken jährlich 10 Millionen Menschen an Krebs – Tendenz steigend. In Deutschland sind Krebserkrankungen die zweithäufigste Todesursache. Welche Erklärungen gibt es hierfür – eine verbesserte Diagnostik, veränderte Unweltbedingungen oder der sogenannte „westliche Lebensstil“?

Sicher führt zum Anstieg der Krebserkrankungen in Deutschland und weltweit die veränderte Altersstruktur. Wir werden älter, die Lebenserwartung steigt je nach Land pro Jahrzehnt um ca. 1,5 bis drei Jahre an. Krebs ist im Wesentlichen eine Alterserkrankung. Je älter wir werden, umso häufiger tritt Krebs auf. Bei Gebärmutterhalskrebs und Leukämie beispielsweise ist die Situation allerdings anders, sie können bei sehr jungen Menschen auftreten. In der Altersgruppe von 60 bis 70 Jahren nimmt in den Industrienationen Krebs nicht mehr zu. Er bleibt auf einem relativ stabilen Niveau oder nimmt sogar leicht ab. Aber wenn Sie die gesamte Bevölkerung unter Bezug auf die sich verändernde Altersstruktur betrachten, nehmen die Krebserkrankungen zu.

*Über 200 verschiedene Krebsarten sind bekannt.
Was weiß man heute über die Ursachen und Auslöser dieser Erkrankung?*

Welche Rolle spielt die Prävention?
Rauchen ist einer der großen Risikofaktoren. Sie können davon ausgehen, dass knapp 30?% der Krebserkrankungen durch Rauchen bedingt sind.
Das Gebiet der Prävention muss man meiner Meinung nach sehr differenziert betrachten. Bei manchen Erkrankungen ist sie extrem wichtig, bei anderen sind die Ergebnisse noch nicht befriedigend – z.?B. haben die Vorsorgeprogramme im Bereich Gebärmutterhalskrebs durch Zytologie bzw. Abstriche in den westlichen und auch in anderen Ländern dazu geführt, dass diese Erkrankung um 80 % reduziert wurde. Im Bereich von Genussmittel-einnahme oder der Sonnenexposition lässt sich sicher einiges bewirken. Was die Ernährung betrifft, so sind die Ergebnisse nicht eindeutig. So ist der Nutzen von Obst und Gemüse nicht leicht zu belegen. Insgesamt gesehen, leben Vegetarier gesünder als Nichtvegetarier. Sicherlich sind bei einigen Krebserkrankungen, wie z. B. Prostata- oder Dickdarmkrebs, umfassend durchgeführte Vorsorgeuntersuchungen sinnvoll.

Wie ist das Verhältnis von genetisch zu infektionsbedingten Krebserkrankungen?

Das lässt sich nicht sagen, da keine Infektion ohne genetische Veränderung einhergeht. Mit anderen Worten, auch wenn Krebs nach einer Infektion entsteht und das Virus dafür die Verantwortung trägt und letztendlich bewirkt, dass die Krebszelle kontinuierlich wächst, sind immer noch zusätzlich genetische Veränderungen notwendig, um überhaupt die Expression dieses Virusgens zu ermöglichen. Der traditionelle Fehler, den wir in Deutschland und anderen Orts gemacht haben, ist, dass wir sehr scharf die chemische Krebsentstehung, bei der die Veränderungen im Erbgut als Mutationen erscheinen, die physikalische Karzinogenese, die strahlenbedingt ist, und die infektionsbedingte Karzinogenese so scharf voneinander getrennt haben. Zwischen diesen verschiedenen Faktoren ist ein sehr intensives Zwischenspiel im Gange. Es findet keinesfalls ohne genetische Veränderungen statt, auch wenn Viren die entscheidende Rolle spielen. Es gibt natürlich nicht nur Viren, die an Krebs beteiligt sind, auch Bakterien können Krebserreger sein. Mög-licherweise ist die Anzahl von ca. 21 % weltweit an durch Infektionen ausgelösten Krebserkrankungen eine Unterschätzung, da die bei Aidspatienten in großer Häufung auftretenden Kaposi-Sarkome, die in Afrika zur häufigsten Tumorform geworden sind, hier nicht berücksichtigt sind.

Herr Prof. zur Hausen, Sie waren von 1983 bis zu Ihrer Emeritierung im März 2003 Vorsitzender und wissenschaftliches Mitglied des Stiftungsvorstands des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg. Unter Ihrer Leitung wurde die Großforschungseinrichtung zu einem der weltweit führenden Institute der Krebsforschung. Welche Weichenstellungen haben Sie nach Ihrer Berufung vorgenommen, welche neuen Wege haben Sie beschritten?

Ich glaube, hier in Heidelberg war spezifisch wichtig, dass wir von Anfang an sehr stringente Evalutionen der wissenschaftlichen Arbeit durchgeführt haben. Darüber hinaus setzten wir forschungsbezogene Schwerpunkte, z.?B. im Bereich der Infektionskrankheiten, im Bereich der Genomveränderungen, die sich auch heute als wesentlich erweisen, im Bereich der Zusammenarbeit mit den klinischen Aktivitäten. Hier hat sich die Einrichtung von klinischen Kooperationseinheiten aus meiner Sicht sehr bewährt. Letztendlich wurde auch die Prävention als solche relativ stark in den Vordergrund gerückt, welche mein Nachfolger jetzt viel aus-geprägter weiterbetreibt. Auch haben wir hier insofern eine grundlegende Änderung vollzogen, als wir die frühere Gliederung des Zent-rums in einzelne Institute, die relativ stark voneinander separiert waren, aufgehoben und flexible Forschungsschwerpunkte eingeführt haben. So konnten sich aus den verschiedenen damaligen Instituten Gruppen in den Schwerpunkten zusammenfinden und die Zusammenarbeit konnte forciert werden. Ich gehe immer noch davon aus, dass die Einführung einer externen Evaluation durch die Top-Wissenschaftler eines betreffenden Fachgebietes die wesentlichste Maßnahme war, die auch letzten Endes zur Qualitätssteigerung führte.

Sie führten das DKFZ zu internationaler Spitzenposition. Wie leicht bzw. schwierig ist es, Spitzenforscher an das DKFZ zu holen?

Selbst die Max-Planck-Gesellschaft hat hier Probleme.
Es gibt hier zwei Perspektiven. Die eine ist natürlich
die persönliche Besoldung der Wissenschaftler, die in Deutschland nicht optimal geregelt ist, das muss man ganz klar sagen. Wobei die Max-Planck-Gesellschaft immer noch einen größeren Spielraum hat als die anderen Einrichtungen. Wir allerdings als Großforschungseinrichtung in der Helmholz-Gemeinschaft haben vermutlich auch noch etwas mehr Spielraum, als er an den Universitäten gegeben ist. Der zweite Punkt ist der, dass die Arbeitsbedingungen, das Umfeld bewirken, dass sich bestimmte Wissenschaftler angezogen fühlen oder nicht. Ich glaube die Arbeitsbedingungen und die Ausstattung am DKFZ waren und sind sehr gut, und deshalb ist es derzeit durchaus möglich, sehr profilierte Wissenschaftler für Spitzenpositionen zu gewinnen.

Wie kann sich die Krebsforschung in Deutschland weiter positiv entwickeln, welches sind die Zielsetzungen?

Die Krebsforschung kann sich auf einer großen Vielzahl von Gebieten gut entwickeln. Ich glaube, wir haben gute Voraussetzungen. Ich sehe z.?B. mit Freude, dass hier gerade die klinische Krebsforschung, auch durch die großzügige Förderung der Deutschen Krebshilfe, sich an vielen Orten sehr intensiv etabliert und verbessert darstellt. Hier ist einiges geschehen. Im Bereich der Krebsgrund-lagenforschung gibt es eine Reihe von Arealen, die zurzeit in einer sehr lebhaften Entwicklung sind. Denken Sie etwa an die Stammzellen und Genetik des Krebses. Sequenzanalysen ermöglichen eine exakte Bestimmung von genetischen Veränderungen des Krebses. Ich gehe davon aus, dass sich in Zukunft gentherapeutische Anwendungsmöglichkeiten finden lassen werden. Ich sehe, dass im Bereich der Targeted Chemotherapy, also der gezielten Chemotherapie von Tumoren, sehr viel Arbeit investiert wird und sich sehr viele Ergebnisse abzuzeichnen beginnen, die dann eine sehr gezielte Behandlung von spezifischen Krebsformen ermöglichen werden.
Das sind nur einige Beispiele, es gibt sicher eine -Fülle von weiteren. Wenn Sie an den Einsatz von monoklonalen Antikörpern zur Behandlung von bestimmten Krebsformen denken, dann war das eigentlich über 20 Jahre frustrierend, dass wenig geschah. Im Augenblick sind positive Entwicklungen im Gange, die oft nicht zur Heilung des Krebses führen, aber doch zu einer deutlichen Verbesserung der Überlebenszeiten und Überlebensqualitäten der Patienten.

Sie haben Ihr Leben ganz der Wissenschaft verschrieben. Wir wissen, dass Sie weiterhin täglich im Institut sind. Woran forschen und arbeiten Sie aktuell?

Ich interessiere mich ganz besonders für einige Krebserkrankungen, für die gewisse epidemiologische Hinweise vorliegen, dass Infektionen daran beteiligt sein könnten, die relativ weit verbreitet sind. Die Frage ist, ob sie wirklich etwas mit Infektionen zu tun haben. Infrage kommen Leukämien, aber auch Brustkrebs vor allem vor der Menopause, und auch der Dickdarmkrebs. Diese drei Aspekte stehen bei uns derzeit stärker im Vordergrund.

Herr Prof. zur Hausen, in seiner Laudatio anlässlich der Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuzes sprach Bundespräsident Köhler vom großen Menschheitstraum, Krebs vermeidbar zu machen. Sind wir diesem Traum näher gekommen?

Für bestimmte Krebsformen gilt das jetzt, ja. Gerade für den Leberkrebs, der in Ostasien und in Afrika eine wesentliche Rolle spielt, dem durch eine Hepatitis-B-Impfung vorgebeugt werden kann. Und auch für den Gebärmutterhalskrebs. Es steht zu erwarten, dass wir dort in 20 Jahren sagen können, dass wir diesen Krebs ebenfalls verhüten werden können. Inwieweit wir weitere Krebserkrankungen vermeiden werden können, hängt von unserer Bereitschaft ab, unsere Lebensgewohnheiten zu ändern, das betrifft Tabakrauchen, Alkoholkonsum oder Fettsucht. Wenn wir in der Zukunft tatsächlich in die Lage kommen würden, noch mehr Infektionen als ursächliche Erreger von Krebs zu identifizieren, dann hätten wir auch weitere Chancen noch weitere Präventionsmaßnahmen zu ergreifen.

Herr Prof. zur Hausen, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch.

Foto: © Prof. Harald zur Hausen

Stichwörter:
Krebsforschung, zur Hausen, Interview, Gebärmutterhalskrebs, Zervixkarzinom, HPV-Infektion, Humanes Papillom Virus

L&M 3 / 2009

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe L&M 3 / 2009.
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