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Mäßige Aufregung über EHEC in Frankreich

Ein kurzes GOOGLEn durch den Blätterwald

So hat denn der berühmt-berüchtigte EHEC-Bazillus jetzt auch in Frankreich zugeschlagen: Erst in der Liller Gegend (dort war es aber wohl nicht die gleiche Variante) und seit zirka einer Woche auch in der Heimat des Verfassers dieser Zeilen, Bordeaux. Aus diesem Anlass soll hier ein kurzer Blick in die Medien die Reaktionen und Stimmung im Lande etwas beleuchten – auch im Gegensatz zu dem, was man jüngst in Deutschland erleben konnte.

Der Stellenwert der Chose in der öffentlichen oder zumindest in der veröffentlichten Meinung ergibt sich schon daraus, dass im Augenblick, wo diese Zeilen geschrieben werden (29. Juni, 10.45 h), GOOGLE-News Frankreich nur recht wenige Schlagzeilen zu diesem Thema anzeigt. Die Berichterstattung in den „nationalen Printmedien“ (sprich im Wesentlichen die Pariser Tageszeitungen Le Figaro und Le Monde) ist sachlich bis nüchtern. So berichtet Le Monde in seiner heutige Ausgabe in etwa 30 Zeilen lediglich über einen Rückfall, der erneut in das Bordeauxer Universitätsklinikum eingewiesen worden sei und dass der Bazillenstamm in der Tat derselbe sei wie in Deutschland. Ein Wissenschaftler des Institut Pasteur wird mit wenigen Worten zitiert. Diese Art der Berichterstattung ist ganz typisch für die so genannten „seriösen” Zeitungen. Auch die große Bordeauxer Regionalzeitung (SudOuest), direkt betroffen, gibt sich reserviert. Unter einem Bild des Klinikums (seiner Form wegen tripode = Dreifuß genannt) wird etwa das Gleiche berichtet wie in Le Monde, angereichert mit einigen regionalen Details (welches Krankenhaus, dr Herr Minister kam zu Besuch – ich habe seinen vermutlichen Auftritt in den Abendnachrichten des lokalen Fernsehens verpasst – mea culpa! usw.). Was jedoch auffällt, ist, dass ein Gutteil des Artikels aus Zitaten einer Behörde, der „Agence régionale de santé (ARS)“, besteht. Dieser obliegt offensichtlich in solchen Fällen die Kommunikation mit den Medien. Die Presse versucht, das im Augenblick wohl auch nur wenig zu hinterfragen. Selbst „Le Canard Enchaîné”, die große und unbestechliche satirische Wochenzeitung, eine Institution, nimmt die Sache nicht aufs Korn. Dass man sich an eine solche stromlinienförmige Kommunikation gewöhnt hat, erklären zum Teil die Kritik, die Nervosität und das offizielle Unverständnis gegenüber den stets als „etwas chaotisch“ empfundenen föderalen Verhältnissen in Deutschland. Man sieht, dass dort alle mögliche Erklärungen von allen möglichen Leuten zahlreiche zur Hysterie neigende Zeitgenossen nur beflügelt haben. Das möchte man mit Fug und Recht vermeiden.

Andererseits weiß man, dass seinerzeit die so genannte „Tschernobyl-Wolke“ laut französischer offizieller Meinung scharf an der Grenze Halt gemacht hatte. Das hat auch hier zu Lande Glaubwürdigkeit gekostet. Inzwischen hat die Qualität solcher Äußerungen, gerade im medizinischen Bereich, jedoch sehr zugenommen. Alleine, ein bisschen nachfragen (kompetent, und das ist zugegebenermaßen sehr schwer) wäre vielleicht doch nicht so schlecht. Über das Fernsehen kann der Autor als „Wenig-Gucker” auch nur wenig sagen. In Erinnerung geblieben sind mir im Wesentlichen auch nur die Statements des lokalen Vertreters besagter ARS. Wie üblich werden wohl die staatstragenden zweiten und dritten Programme etwas sachlicher und das private erste etwas geräuschvoller berichten. Auch im Radio ist die Berichterstattung eher emotionsfrei und sachlich mit – in einzelnen Fällen – auch unabhängigen (?) Expertenmeinungen. Wenn auch die Oberfläche einigermaßen ruhig ist (Frankreich ist Fassadenkunst, sagte schon vor Jahren Ulrich Wickert) und der gesunde Menschenverstand die Oberhand behält, so heißt das doch nicht, dass es nicht zu sehr harten Konsequenzen kommen kann. So musste der Betrieb, der die in den Liller Fällen inkriminierten Hacksteaks geliefert hatte, vorgestern „plötzlich und unerwartet“ Konkurs anmelden. Die Bestellungen waren innerhalb 24 Stunden auf exakt null heruntergegangen. Spaßvögel (oder Zyniker) würden sagen: „Was das Essen angeht, kennt man hier keinen Spaß.“ Für die dort Beschäftigten ist es sicher weniger lustig. Was ist der Grund für diese alles in allem erfreuliche Sachlichkeit der Berichterstattung? Ist es die Auflagenschwäche der Tageszeitungen, wo es zudem auch keine so richtigen „tabloids“ gibt? Die Tradition des wenig investigativen Journalismus? Die wenigen, zudem oft regierungsnahen Fernsehsender? Die Qualität der behördlichen Äußerungen? Die allgemein anerkannte Qualität der medizinischen Versorgung? Der Provinzialismus? Schwer zu sagen. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Debatte in der angesehenen Fachzeitschrift „La Presse Médicale“ über die (anscheinend immer noch bestehende) Schwierigkeit der wissenschaftlichen Kommunikation in Englisch für den „Praktiker“ (das heißt wohl hier für den vorwiegend klinisch tätigen Arzt). Frankreich schmort halt in vielerlei Hinsicht noch stark im eigenen Saft. Vielleicht kann die internationale Ausgabe von labor&more ein bisschen dazu beitragen, das zu ändern.

Fazit

Napoleon sagte nicht: „Von der Gelassenheit zur Wurstigkeit ist es oft nur ein kleiner Schritt“. Jedoch ist dem so. „Le quatorze juillet“ naht und bald ist hier zu Lande sowieso jeder in Urlaub. Der Ernst des Lebens fängt bei „la rentée“ im September wieder an. Das ist „art de vivre“. Als Grenzgänger fragt sich der Autor da immer wieder: „Wie schwer ist es, zwischen zu viel und zu wenig Gelassenheit die rechte Balance zu finden?“

L&M 4 / 2011

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe L&M 4 / 2011.
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