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Auf der Suche nach dem Glück

Prof. Dr. Andreas Knabe, FU Berlin

Die meisten Menschen stimmen darin überein, dass „glücklich sein“ ein erstrebenswerter Zustand ist. Weit weniger Einigkeit besteht hingegen darüber, wie man diesen Zustand am besten erreicht. Die einen sind glücklich, wenn sie ein neues Auto besitzen (das am besten noch teurer ist als das des Nachbarn). Andere wiederum erleben Augenblicke des Glücks, wenn sie Zeit mit ihrer Familie oder guten Freunden verbringen können. Sind diese Arten des Glücks vergleichbar? Kann man überhaupt ein zutiefst subjektives Gefühl wie Glück objektiv erfassen?

Eine objektive Messung des subjektiv empfundenen Glücks ist nicht möglich. Die wissenschaftliche Glücksforschung, die statt von „Glück“ lieber etwas sachlicher vom „subjektiven Wohlbefinden“ spricht, hat aber verschiedene Methoden entwickelt, Menschen zur möglichst genauen Offenbarung ihres Gemütszustandes zu bewegen. Die einfachste und am meisten gebrauchte Möglichkeit besteht darin, in einem Interview die Frage zu stellen: „Wie zufrieden sind Sie alles in allem mit Ihrem Leben?“ Die befragten Personen antworten dann auf einer Skala von 0 bis 10. Zum Beispiel misst das sozioökonomische Panel mit dieser Frage seit 1984 jährlich das Glück der Deutschen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Mehrheit der Bevölkerung durchaus zufrieden mit ihrem Leben ist. Die meisten Menschen geben Zufriedenheitswerte zwischen 7 und 8 an. Nur etwa 10 Prozent der Befragten sind unzufrieden in dem Sinn, dass ihre Zufriedenheit in der unteren Skalenhälfte liegt. Die wissenschaftliche Glücksforschung will erklären, woraus die beobachteten Unterschiede in den Zufriedenheiten verschiedener Personen erwachsen bzw. warum eine Person zu verschiedenen Zeiten mal zufrieden und mal unzufrieden mit ihrem Leben ist. Dazu werden umfangreiche Befragungen ausgewertet, in denen neben dem subjektiven Wohlbefinden auch Angaben zu den Lebensumständen der Personen erhoben werden. Für diejenigen, die gehofft haben, den Schlüssel zum Glück zu finden, ist das Ergebnis etwas ernüchternd: Der größte Teil der Glücksunterschiede zwischen den Menschen entsteht durch genetische Prädispositionen oder frühe soziale Prägungen und ist im späteren Leben nur in sehr geringem Maße durch das eigene Tun beeinflussbar. Persönliche Erfolge und Rückschläge bleiben jedoch nicht ganz ohne Wirkung. So kann man zum Beispiel beobachten, dass sich die Lebenszufriedenheit von Menschen erhöht, wenn sie einen Lebenspartner finden. Der eigene Gesundheitszustand ist ebenfalls für die Zufriedenheit wichtig. Und es zeigt sich, dass Einkommen und Vermögen nicht die wichtigsten Faktoren des Glücks sind. Sie sind aber auch nicht so unwichtig, wie manche moderne Glücksapostel uns weismachen wollen. Zum Beispiel geben von allen Vollzeitbeschäftigten mit einem monatlichen Nettoeinkommen von unter 1000 Euro nur 43 Prozent Zufriedenheitswerte von mindestens 8 an, bei den Erwerbstätigen mit Nettoeinkommen über 3000 Euro sind es hingegen über 66 Prozent. Und was macht die Menschen unzufrieden? Unsere Untersuchungen zeigen, dass kaum ein anderes Ereignis die Lebenszufriedenheit so stark reduziert wie die Arbeitslosigkeit. Dabei entsteht die Unzufriedenheit nicht in erster Linie durch den Einkommensverlust. Selbst wenn man das Einkommen bei eintretender Arbeitslosigkeit konstant hielte, wären die Menschen unzufriedener. Hier zeigt die Glücksforschung deutlich, dass Erwerbsarbeit mehr ist als Geld verdienen. Die Teilnahme am Erwerbsleben gibt den Menschen eine Identität, erfüllt ihr Leben mit einem Sinn, sorgt für einen strukturierten Tagesablauf und schafft Möglichkeiten, soziale Kontakte zu pflegen. Die Arbeitslosigkeit beraubt die Menschen damit nicht nur eines Teils ihres Einkommens, sondern sie nimmt ihnen auch diese nichtmonetären Vorteile der Arbeit. Erstaunlich ist hingegen, dass sich die geringere Lebenszufriedenheit von Arbeitslosen nicht unbedingt in einem schlechteren emotionalen Wohlbefinden im Alltag niederschlagen muss. In einer neuen Studie haben wir über 600 Arbeitslose und Erwerbstätige befragt, mit welchen Aktivitäten sie ihren Tag verbringen und wie zufrieden sie dabei sind (Tab. 1).

Tab. 1 Emotionales Wohlbefinden während einzelner Aktivitäten

Das Ergebnis: Wenn man die gleiche Aktivität (Fernsehen, Essen etc.) betrachtet, dann sind die Arbeitslosen im Durchschnitt unzufriedener als die Beschäftigten. Die Erwerbstätigen sind aber am unzufriedensten bei der Arbeit! Da die Arbeitslosen die Zeit, die die Beschäftigten mit Arbeit verbringen, für emotional positivere Aktivitäten verwenden können, schließt sich die Lücke in der emotionalen Bilanz beider Gruppen fast vollständig. Obwohl sie also mit ihrem Leben unzufrieden sind, sind die Arbeitslosen durchaus in der Lage, einen guten Tag zu verleben. Die Zufriedenheitsforschung hat gezeigt, dass das menschliche Glück durchaus Objekt wissenschaftlicher Analyse sein kann. Sie steht aber immer noch am Anfang und ist noch weit davon entfernt, ein vollständiges „Glücksmodell“ entwickelt zu haben, geschweige denn, daraus überzeugende Handlungsempfehlungen für die Politik ableiten zu können. Die Suche nach dem Glück geht also weiter.

L&M 4 / 2010

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe L&M 4 / 2010.
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