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Das neue Coronavirus und die politische Debatte um H5N1

Risikokommunikation

Das Auftreten von neuen Infektionskrankheiten ist oft mit wissenschaftlichen und organisa­torischen Unsicherheiten behaftet und stellt hohe ­Anforderungen an das Management im öffentlichen ­Gesundheitsdienst. Seit September 2012 verfolgt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein neues Coronavirus, das zuerst bei einem Patienten aus Saudi-­Arabien nachgewiesen wurde. Seit Anfang Februar 2013 sind 13 Patienten ­erkrankt sind, bei denen das neue Coronavirus nachgewiesen werden konnte; sieben der Patienten sind bislang an der Erkrankung gestorben.

Was auf den ersten Blick nicht besonders besorgniserregend aussieht, bekommt seine internationale Bedeutung durch die Virusfamilie und die bekannten sowie noch unbekannten Parameter zur Ausbreitung, Übertragung, Schwere der Erkrankung und Behandlung. Coronaviren gehören zu einer Virusfamilie, die eine Reihe von Erkrankungen verursacht: von allgemeinen, leichteren Erkältungskrankheiten bis zu dem „schweren akuten respiratorischen Syndrom“, besser bekannt unter dem Namen SARS. Die SARS-Erkrankung hatte 2002/3 eine Pandemie ausgelöst, an der hunderte Menschen gestorben sind und die dramatische ökonomische und gesundheitspolitische Auswirkungen hatte. Dieses neue Corona­virus ist ein „close cousin“ von SARS, das daher in der öffentlichen Wahrnehmung und im öffentlichen Gesundheitsdienst mit einer besonderen Aufmerksamkeit verfolgt wird. Denn es ist unklar, womit man es eigentlich zu tun hat: Wie gefährlich ist dieses neue Coronavirus? Wie schwer sind die Erkrankungen? Und: Hat dieses Virus das Potenzial, eine Pandemie auszulösen?

Epidemiologische Rätsel

Zunächst ist man davon ausgegangen, dass sich Patienten im Mittleren Osten, vor allem in Saudi-Arabien und Katar, infizierten; unklar ist jedoch, woran. Da Coronaviren in Fledermäusen zirku­lieren [1], könnte die Infektionsquelle im Tierreich liegen und sporadisch Menschen infizieren [2]. Wie diese Ansteckung allerdings stattfinden könnte, z.B. durch direkten Kontakt, über einen Wirt, über die Nahrungskette, über eine kontaminierte Umwelt etc. ist noch unklar [2]. Forschern um den Bonner Professor Christian Drosten ist es gelungen, einen diagnostischen Test zu entwickeln, mit denen man Patienten auf das Virus testen kann [3, 4]. Mittlerweile konnte man drei Infektionscluster ausmachen, bei denen sich Menschen aneinander angesteckt haben: zunächst in einem Krankenhaus in Jordanien, danach in einer Familie in Saudi-Arabien und zuletzt in einer Familie in Großbritannien. Bei diesem Familiencluster in Großbritannien hat sich der Indexpatient wohl auf Reisen in Saudi-Arabien und Pakistan mit dem Virus infiziert und nach seiner Ankunft zwei Familienmitglieder angesteckt, von denen ein Patient gestorben ist [5]. Fraglich ist auch, wie schwer die Erkrankung eigentlich ist. Die 13 Patienten mit laborbestätigtem Virusnachweis sind mit schweren Atemwegsinfektionen und teilweise Nierenversagen intensivmedizinisch behandelt worden; unklar ist, wie hoch die Dunkelziffer dieser Viruserkrankung ist, d.h., wie viele der infizierten Patienten so schwer erkranken, dass sie sich ärztlich vorstellen und auf das Virus getestet werden oder nur leicht erkranken und sich in der Annahme eines grippalen Infektes zuhause einige Tage kurieren. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die nationalen Gesundheitsbehörden nehmen inzwischen eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung an, halten aber das Risiko der Ansteckung für die Allgemeinbevölkerung für gering.

Mehr Transparenz ist zur ­Risikobewertung nötig

Problematisch an diesem Ausbruchsgeschehen sind nicht nur die epidemiologischen Rätsel, sondern eine intransparente Informationspolitik. Die Informationslage, auf der eine Risikobewertung stattfindet, ist nicht transparent und weder die Bevölkerung noch Wissenschaftler sind in der Lage, sich wirklich ein Bild machen zu können. Es bleibt, die wenigen Fakten und die Bewertung der Behörden zu wiederholen. Es bleibt auch das Gefühl, dass man nur über die Spitze des Eisbergs informiert wird. Die Informationen darüber, wie viele Patienten oder Familienangehörige und Kontaktpersonen in der Klinik oder im Umfeld der Patienten getestet werden, wie viele Verdachtsfälle es gibt, wie viele negative Test­ergebnisse vorliegen, welche Übertragungshypothese verfolgt wird etc. – diese epidemiologische Situation ist nicht einsichtig. Zurzeit werden nur laborbestätigte Fälle „stückchenweise“ berichtet. Damit Wissenschaftler eine gute Risikobewertung vornehmen können, benötigen sie allerdings Informationen, z.B. darüber, wie viele Gesunde die Erkrankung in leichteren Verläufen durchgemacht haben oder wie viele Patienten oder auch gesunde Gruppen getestet wurden. Die Virusisolate der Patienten sollten in der wissenschaft­lichen Gemeinschaft für die Arbeit in diesem Ausbruchsgeschehen geteilt und veröffentlicht werden. Nur auf der Grundlage dieser virologischen Daten kann weiter erforscht werden, ob sich das Virus von Mensch zu Mensch überträgt oder über Kontakte mit Tieren in bestimmten Regionen oder über die Nahrungskette aufgenommen wird. Diese Erkenntnisse haben direkte Bedeutung für den öffentlichen Gesundheitsdienst, da dadurch die entsprechenden Maßnahmen zum Infektionsschutz eingeleitet werden können wie zum Beispiel persönliche Hygiene, Reisewarnungen oder Untersuchungen der Nahrungskette.

Kommunikation von Risiken – ­Risiken der Kommunikation

Während bei dem Ausbruchsgeschehen des neuen Coronavirus die Informationslage als wenig transparent kritisiert wird, hat in den letzten Monaten die Publikation von virologischen Forschungsergebnissen gesell­schaftlich Furore gemacht. Die virologischen Forschungen der Gruppen um Ron Fouchier and Yoshihiro Kawaoka beschreiben Modifikationen an den Influenzaviren H5N1 („Vogelgrippe“) und H1N1 („Schweinegrippe“) und zeigen, wie unter bestimmten experimentellen Bedingungen die Übertragbarkeit des Vogelgrippevirus von Säugetier zu Säugetier möglich ist [6, 7]. Die Experimente und die Publikation der Ergebnisse wurden z.T. heftig kritisiert. An den Experimenten wurde kritisiert, dass sie die Gefährlichkeit der Viren steigern. Befürchtet wurde, dass ein Virus im Labor hergestellt wird, das die hohe Mortalität der Vogelgrippe mit der leichten Übertragbarkeit unter Menschen der Schweinegrippe vereint und somit ein Topkandidat für die nächste Influenzapandemie wäre. Durch die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse befürchteten einige, dass diese eine Anleitung zum Bau biologischer Waffen darstellen könnten. Während die Forscher selbst die Bedeutung der Experimente und Publikation für die Prävention und das Management von Influenzapandemien betonten, befürchteten einige die Gefährdung der öffentlichen Gesundheit durch eine unabsichtliche Freisetzung (Laborunfall) oder absichtliche Freisetzung (Bioterrorismus) dieses synthetischen Virus [8]. Diese Kontroverse stellt ein so genanntes Dual Use-Dilemma dar. Der Begriff Dual Use, also doppelte Verwendung, stammt aus der Zeit des Kalten Krieges und richtete sich auf Technologien und Forschungen, die sowohl im zivilen als auch im militärischen Bereich Verwendung finden. Das klassische Verständnis des Dilemmas von Dual Use meint dabei die Ambivalenz der Bewertung von Material. In der aktuellen biomedizinischen Forschung bekommt das Dual Use-Dilemma noch einen Informationsaspekt hinzu: Hier geht es nun nicht mehr nur um ein Material, das in verschiedenen Kontexten verwendet werden kann, sondern auch um Informationen und ein Wissen, das missbräuchlich angewendet werden könnte. Dieses Dual Use-Dilemma lässt sich nicht einfach lösen. Keiner hat eindeutig Recht; weder die Wissenschaftler, die diese Forschungen betreiben und unterstützen, noch die Kritiker, die die Wissenschaft in ihrem Gegenstandsbereich und ihrer wissenschaftlichen Praxis (detaillierte Publikation) beschränken wollen [9].

Risikokommunikation

Die Bedeutung und die Bedrohung dieses Wissen liegen in den Kontexten und gesellschaftlichen Zusammenhängen ihrer Verwendung [9]. Daher ist es eine wichtige Aufgabe, ein breiteres Verständnis für diese Risiken in der Gesellschaft aufzubauen. Ein gesellschaftlicher Diskurs über die Risiken von virologischen Forschungen, natürlichen Infektionsausbrüchen und sicherheitspolitischen Bedrohungen ist zentrales Anliegen einer Risikokommunikation. Diese Risikokommunikation basiert auf einer transparenten Informationspolitik, die nicht nur die Ergebnisse einer Risikobewertung kommuniziert, sondern tatsächlich die Argumente darstellt und erläutert, die zu dieser Bewertung geführt haben. Diese transparente Risikokommunikation ist in der aktuellen Situation des Coronavirus-Ausbruchsgeschehens dringend nötig. Wichtig und wünschenswert ist nicht nur ein Rat oder eine Empfehlung der Behörden, sondern die Möglichkeit, die Lage zu verstehen. Dazu sind Fakten und eine transparente Informationspolitik nötig. Es reicht dabei nicht, jede neue Erkenntnis, auch mithilfe der neuen Medien, häppchenweise zu kommunizieren; es sollte grundsätzlich eine andere, transparente Risikokommunikation betrieben werden. Das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) ist ein neu gegründeter Zusammenschluss der führenden Forschungseinrichtungen der Lebenswissenschaften in Deutschland, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird. Im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) wird intensiv im Bereich Emerging Infections an neuen bzw. neu auftretenden Viren geforscht. DZIF-Mitglied Professor Christian Drosten hat die Testmethode für dieses neue Coronavirus entwickelt und forscht an den Viruseigenschaften, um das Verständnis für diese Erkrankung zu verbessern. Der Bereich Emerging Infections des DZIF bemüht sich außerdem um eine transparente Risikokommunikation und appelliert an einem Umgang mit Informationen, der stärker die Teilnahme und die Zusammenarbeit ermöglicht.

Literatur
[1] Muller, M.A. et al. (2012) Human coronavirus EMC does not require the SARS-coronavirus receptor and maintains broad replicative capability in mammalian cell lines. mBio 3,6.
[2] Pebody, R. et al (2013) Novel coronavirus: how much of a threat? BMJ 346:f1301.
[3] Corman, V.M. et al. (2012) Detection of a novel human coronavirus by real-time reverse-transcription polymerase chain reaction. Euro surveillance 17, 39.
[4] Corman, V.M. et al. (2012) Assays for laboratory confirmation of novel human coronavirus (hCoV-EMC) infections. Euro surveillance 17, 49.
[5] Wise, J. (2013) Two more cases of novel coronavirus are confirmed in UK. BMJ 346: f1030.
[6] Herfst, S. et al. (2012) Airborne transmission of influenza A/H5N1 virus between ferrets. Science, Jun 22; 336(6088): 1534-41.
[7] Imai, M. et al. (2012) Experimental adaptation of an influenza H5 HA confers respiratory droplet transmission to a reassortant H5 HA/H1N1 virus in ferrets. Nature Jun 21; 486(7403): 420-8.
[8] Fouchier, R.A. et al (2012) Public health and biosecurity. Restricted data on influenza H5N1 virus transmission. Science Feb 10; 335(6069): 662-3.
[9] Dickmann, P. (2012) Biosecurity. Biomedizinisches Wissen zwischen Sicherheit und Gefährdung. Bielefeld: transcript.

Foto: (c) Thomas Strecker, Marburg

L&M 3 / 2013

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe L&M 3 / 2013.
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