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L&M-3-2008 > Hochschulen im Wettbewerb

Hochschulen im Wettbewerb

Interview

Vielen Dank, dass Sie uns für einige Fragen im Zusammenhang mit dem Wissenschaftsmanagement, mit der Finanzierung und der Organisation von Forschung und Entwicklung und auch mit der gesellschaftspolitischen Einbindung von Forschung und Entwicklung zur Verfügung stehen. Wie würden Sie Ihre Idealvorstellungen formulieren? Wie sollte man eine Hochschule zukünftig organisieren? Würden Sie Fulltime- Manager auch in anderen Ebenen als der Vorstandsebene für sinnvoll halten?

Das wird ja schon auf Präsidiumsebene kontrovers diskutiert. Es ist klar bei den Aufgaben, die man jetzt hat, ist der Präsident ein Fulltime-Manager. Das geht gar nicht anders und es wird mindestens eine zweite Person, hier heißt sie noch Kanzler, Fulltime-Manager sein müssen. Fulltime heißt dann – und so habe ich es auch gemacht– dass man Wissenschaft auch weitermacht, obwohl man beurlaubt ist. Ich habe als hauptamtlicher Vizepräsident der Humboldt -Universität auch noch eine DFG-Forschergruppe geleitet. Ich hatte Doktoranden zu betreuen. Die großen Universitäten werden nicht umhin kommen, an dieser Stelle einen höheren Grad der Professionalisierung zurealisieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Bei den Dekanen wird es schon ein ganzes Stück schwieriger. Das hängt dann auch stark von der Strukturierung der Größe von Fachbereichen ab, die ja an deutschen Universitäten ganz unterschiedlich sind. Ich kann mir das bei großen Fachbereichen vorstellen. Man muss aber aufpassen, dass man nicht Leute heranzieht, die dann nur noch das können. Eine Rückkehr in die Wissenschaft mussmöglich sein.

Das ist in vielen Bereichen schwierig. Wenn Physiker oder Chemiker fünf Jahre raus sind, dann haben sieden Anschluss verpasst. Das ist einfach so. Können Sie sich vorstellen, Hochschule so zu organisieren wie einen Industriebetrieb?

Nein. Nein. Dafür ist eine Hochschule viel zu spezifisch. Dass wir Etliches lernen können von Industrie betrieben und auch von amerikanischen Universitäten, ist bestimmt richtig. Aber eine Hochschule ist ganz anders strukturiert. Einem kreativen Wissenschaftler, der vielleicht auch anders lebt und denkt, kann man auch nicht vorschreiben, was er wie tun soll.

Richtig. Nur, wenn Sie es finanzieren müssen, werden die Budgetgrenzen vieles nicht ermöglichen.

Wir haben an der TU Darmstadt eine stringente Budgetierung. Das macht die Dekane stärker. Sie haben weitreichende Kompetenzen, was die Verwendung der Mittel angeht. Die Fachbereiche gehen in meiner Wahrnehmung sehr unterschiedlich mit der Ausnutzung dieser Freiheit um. Die Informatik organisiert sich im Wesentlichen über einen hauptamtlichen Dekan. Das geht ein Stück in Richtung amerikanischer Modelle. Mir ist wichtig, dass diese Entwicklungen organisch aus den deutschen Universitäten heranwachsen.

Die Delegation von Macht auf eine bestimmte Zeit ist praktikabel und hat ihren Ursprung in den USA.

Das wird gemacht und es funktioniert in der Regel.

Kann man in der Forschung eine effektive Qualitätskontrolleetablieren?

Das ist nicht einfach zu beantworten. Qualitätskontrolle ist eine Notwendigkeit. Universitäten können nicht auf der einen Seite Autonomie haben wollen und auf der anderen Seite die Sicherung der Qualität vernachlässigen. In der Forschung stelle ich mir das so vor, dass in regelmäßigen Abständen externe Peers auf die Forschung schauen und einen Bericht schreiben. Darauf aufbauend wird dann mit den Fachbereichen oder den Instituten, die man hat evaluieren lassen, diskutiert, Zielvereinbarungen beschlossen und deren Einhaltung wird überprüft. Qualitätskontrolle in der Forschung realisieren wir in Darmstadt schon zu einem guten Teil mit der leistungsbezogenen Mittel zuweisung. Die gibt’s aber schon lange. Ja, aber nach meinem Dafürhalten muss das ergänzt werden dadurch, dass wirklich kompetente Fachkollegendraufschauen. Dies hat natürlich auch Defizite, aber ich kenne keinen besseren Weg.

Für einzelne Fachbereiche kann man das vernünftig machen, weil man dort auch die Gutachter findet, die einigermaßen Übersicht über das Fachgebiet haben. Aber wie vergleiche ich etwa einen Menschen in den Sozialwissenschaften mit einem Biologen?

Es gibt keine Maßzahlen dafür.

Das sollte man auch nicht zwanghaft tun. Wenn ich weiß, wie gut jemand in der Skala der Soziologen ist und ich weiß, wie gut jemand in der Skala der Biologen ist, reicht mir das doch eigentlich.

Dann ist der Rest eine politische Entscheidung.

Irgendwann ist es die Profilentscheidung der Universität. Wir müssen uns in den Fakultäten mit den anderen Universitäten vergleichen.

Sie waren sehr engagiert in Berlin bei der Vorplanung der Antragstellung der Exzellenzinitiative. Da geht es um die ganze Universität? Wie verträgt sich das, wenn Sie sagen, ich kann verschiedene Fakultäten nicht miteinander vergleichen? Wie würden Sie Ihr Marketing ausrichten, wenn Sie andere davon überzeugen müssen, dass Ihre Hochschule die beste ist?

Bei den Exzellenzwettbewerben gab's ja verschiedene Stufen. Zunächst einmal versucht man in den Bereichen, die da sind, sichtbare Qualität zu generieren. Und das waren im Exzellenzwettbewerb die erste und die zweite Förderlinie, nämlich die Exzellenzcluster und Graduiertenschulen.

Das war ja die Voraussetzung, um überhaupt weiterzukommen,

In den Fachgebieten und auch darüber hinaus – aberletztendlich auf Basis der wissenschaftlichen Substanz –versucht man, interessante, zukunftsweisende Projekte aufzusetzen und das hat die Humboldt-Universität in Berlin, so glaube ich, in sehr gutem Maße geschafft. Sie ist Sprecher oder Co-Sprecher von vier Graduiertenschulen im Exzellenzwettbewerb und für zwei Cluster. Das ist etwas, was gut funktioniert hat. Was wohl nicht zur Zufriedenheit der Gutachter und letztlich auch der Antragsteller gelungen ist, war, aus der Leistung und aus der Substanz ein Orchester zu formen.

Wenn ich an das anknüpfen darf, dann steht natürlich der Antragsteller vor der Frage, welches Marketing bringt ihn voran?

Ja, das ist für die Universitäten etwas Neues und wurde bisher nicht gebraucht. Modernes Marketing war vielleicht sogar negativ belegt, aber man brauchte es ja früher auch nicht. Das hat sich in den letzten Jahren, ich möchte fast sagen dramatisch, geändert. Dadurch, dass die Universitäten in den Wettbewerb entlassen worden sind, und zwar auf allen Ebenen, wird auf einmal das Marketing extrem wichtig. Man wirbt um Doktoranden in den eigenen Universitäten, man wirbt sogar bundesweit, auch international und, wie wir heute wissen, umsehr beschränkte Ressourcen. Nachwuchswissenschaftler sind sehr knapp. Inzwischen wirbt man um Masterstudenten. Man wirbt um Geld auf jeder Ebene. Und da braucht man auf einmal ein konsistentes Bild der Universität für die Präsentation nach außen und dafür braucht man Marketing. Dieser neuen Situation müssen wir uns stellen.*

In den USA gibt es verbreitet das Alumni-System zur Akquirierung von Ressourcen – menschliche und finanzielle. So was haben wir eigentlich hier in Deutschland fast nicht. Kennen Sie irgendeine Ausnahme, kennen Sie eine Universität, wo es wirklich eine starke Alumniorganisation, ein Alumninetzwerk gibt?

In Deutschland gibt es keine Universität, die mit einer durchschnittlichen amerikanischen Universität mithalten kann, was Alumni betrifft. Die Identifikation mit der eigenen Universität war in der Vergangenheit in Deutschland immer sehr schwach. Das ist in den USA immer anders gewesen: Einer, der dort an einer Universität studiert, ist für das Leben geprägt. Man sagt, wo man

studiert hat und sagt, wo man promoviert hat. Diese Identifikation, dieses Zuhausegefühl gab es bei uns bisher hier gar nicht. Ich habe jedoch den Eindruck, im Moment ist da etwas in Bewegung.

Nach welchen Kriterien entscheiden sich Studierende für eine bestimmte Hochschule?

Ich bin der festen Überzeugung, dass gerade für Masterstudenten und Promotionsstudenten die Leistung der Universität auf dem Gebiet ihres Studienfaches das wesentlichste Kriterium ist. Fachbereiche, die sich einen Namen gemacht haben, Fachbereiche mit prominenten Wissenschaftlern und einem erkennbaren Forschungsprofil sind die Magneten für junge Studierende. Bei den Doktoranden bin ich ganz sicher, dass das so ist und beiden Master-Studierenden wird dieser Trend ähnlich einsetzen. Beim Bachelor gibt es andere Entscheidungskriterien. Diese Zielgruppe orientiert sich schon früh an den geplanten Berufswünschen und entscheidet auf dieser Basis.

Wenn man das konsequent weiterdenkt, dann kommt man natürlich irgendwann zur Campus-Universität.

Ja, ich erlebe es jetzt irgendwie hautnah. Meine Tochter hat an der Freien Universität Berlin Biochemie studiert und ist im letzen Jahr zur Promotion nach Oxford gegangen. Ich sehe, wie die Leute dort an die Hand genommen werden. Sie war sehr erstaunt über den Service, verglichen mit dem an deutschen Universitäten.

In den USA bindet man häufig emeritierte Professoren in die Akquisition von Drittmitteln ein. Sie sind auch aktiv in der Anwerbung von Studenten und alle guten amerikanischen Universitäten schicken ihre Späher durch das Land, um zu werben. Studierende wollen überzeugt sein, dass die Hochschule ihrer Wahl die beste ist. Das muss man finanzieren. Wenn Studenten die Kosten nicht tragen können, erhalten sie bei entsprechender Qualifikation Subventionen von der Hochschule

.Lassen wir mal die TU Darmstadt außen vor und sehen uns nur das System an. Bei den Doktoranden ist es doch schon so, dass sie dorthin gehen, wo sie ihre Stipendienbekommen – das spielt also eine wichtige Rolle. Oft ist es in Deutschland schon Standard, dass man von Studienbeiträgen befreit wird und es ist in Naturwissenschaften und in den Ingenieurwissenschaften so, dass fast alle, die promovieren, in dieser Zeit auch eine finanzielle Unterstützung erhalten. Wir bezahlen also schon um gute Leute zu bekommen. Es gibt einige Bereiche in den Geisteswissenschaften, wo das noch nicht so ist – auch weil es ein Überangebot an Studierenden gibt. Ich möchte nicht ausschließen, dass der Wettbewerb um die besten Masterstudenten auf attraktiven Gebieten in Zukunft auch so funktionieren wird. In den USA sucht man aktiv, das werden wir in der Zukunft auch tun müssen.

Dafür brauchen Sie Manpower. Könnten Sie sich vorstellen, dass man Leute, die mit 65 in Ruhestandgehen, für die Akquisition von Mitteln und guten Studenten einsetzt?

Ja, ich kann mir das gut vorstellen

Das gibt’s in Deutschland noch nicht.

Nein, aber, wenn man auf der einen Seite versucht, Forschungsnetze aufzubauen, warum denkt man da nicht erstmal an die eigenen Kolleginnen und Kollegen? Man muss sie an der Universität halten. Das Emeritierungs oder Pensionierungsalter muss nicht rausgeschoben werden. Man muss andere Möglichkeiten finden, über die Pensionierungsgrenze hinaus gute Fachleute für die Universität zu binden – wenn diese das möchten. Das ist dann so etwas wie eine „Senior Professor“ Position, die sie noch ein Stück weit in die Universität einbindet. Das halte ich für denkbar.

Heutzutage sind wir weitgehend darauf programmiert die Forschung an Hochschulen aus öffentlichen Mitteln zu finanzieren. DFG, BMBF, Drittmittel, aber auch Mittel aus anderen Institutionen spielen eine wichtige Rolle. Können Sie sich vorstellen, dass es darüber hinaus Möglichkeiten gibt, die Industriedirekt in eine Hochschule einzubinden und umgekehrt, die Hochschule mit der Industrie in geeigneter Weise zu vernetzen? Können die Hochschulen nicht Partner eines Unternehmens werden mit all den dazugehörigen Konsequenzen?

Ich kann mir das mit der Industrie vorstellen. Es müssen die Rollen nur klar verteilt sein. Die Universität hat einen anderen Auftrag als ein Industrieunternehmen.

Richtig. Auf der anderen Seite wird in der Industriehäufig die Meinung vertreten, dass man eigene Forschungskapazitäten abbaut, weil man sagt: Lassen wir mal die Leute in der Hochschule forschen und wenn die was Gutes finden, dann kauft man das eben ein.

Das ist, glaube ich, ziemlich kurz gedacht!

Das merken die Leute in der Industrie wohl inzwischen auch. Ein dynamischer Run auf die Exzellenzhochschulen, also Elitehochschulen nach der Definition der Exzellenzinitiative, hat eingesetzt. Man möchte Forschungsabteilungen dort installieren. Man will die Reputation mit einkaufen. Damit ist man wer. Diese Reputation wird natürlich an denjenigen hängen bleiben, die dieses Etikett Eliteuniversität haben. Sie haben in diesem Zusammenhang in einem Interview gesagt: „In ein paar Jahren wollen auch wir in Darmstadt in der ersten Liga spielen“.

Ich beziehe mich auf das Leitbild der TU Darmstadt. Wir wollen stets zu den drei besten Technischen Universitäten Deutschlands gehören.

Eine letzte Frage: Es gibt einen Solidaritätszuschlag Aufbau Ost. Können Sie sich vorstellen, dass eine Regierung sich dazu bereit erklärt, Bildung und Forschung als nationale Aufgabe zu formulieren und analog zum Aufbau Ost zu behandeln?

Letztendlich ist das eine Steuererhöhung, die dann natürlich auch Gegenreaktionen bei der Bevölkerung und in der Presse hervorruft. Das Bewusstsein zu schaffen, dass Forschung und Wissenschaft eine nationale Aufgabe sind, müssen wir im Interesse der Zukunft unseres Staates realisieren. Das schärft dann auch das Bewusstsein, dass jeder dafür wirklich extra bezahlen muss. Dann wären wir ein großes Stück weiter, was die Zukunft dieses Landes angeht.

Das war ein prima Schlusswort mit Perspektive. Herzlichen Dank für das Gespräch.

Foto: © Prof. Dr. Hans-Jürgen Prömel

L&M 3 / 2008

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe L&M 3 / 2008.
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